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Pro Ladenschlussgesetz – aus Amerikanischer Perspektive

Hättet ihr mich vor zehn Jahren, vor meinem Umzug in die USA gefragt was ich von den Ladenschlussgesetzen in Deutschland halte, wäre meine eindeutige Antwort gewesen: “Mr. Lawmaker, Tear this Law down!”. So sehr habe ich es gehasst dass ich am Sonntag keine Klamotten, Grillkohle oder anderweitige Dinge des Lebens einkaufen konnte. Scheiss Bevormundung.

Dann bin ich in die USA gezogen. Cambridge, Massachusetts. Mit BWL-Diplom, zur besten Wirtschaftskrise, 2008. Kompletter Einstellungsstop. Kurz gefasst, der einzige Job den ich zu dieser Zeit an Land ziehen konnte war bei Target, sowas in der Art wie Karstadt. On steroids (und nicht pleite). Wer mal in den USA die puren Dimensionen einer der rund 1.500 Target Filialen visualisieren konnte wird den Gag verstehen. Es ist aber auch nicht wirklich relevant.

Fakt ist, dass ich in den sechs Monaten bei Target keine einzige Woche meines damaligen Lebens mehr als einen zusammenhängenden Tag frei hatte. In der einen Woche hatte ich Dienstag und Freitag frei. In der nächten Woche Mittwoch und Samstag. Die Woche darauf Montag und Mittwoch. Meine Frau hatte immer Samstag und Sonntag frei, gemeinsame Aktivitäten am Wochenende waren nicht drin. Ich war eigentlich nur froh dass wir noch keine Kinder hatten. So ging das ein halbes Jahr. Bis ich die Schnauze voll hatte und kündigte.
Ich fing kurz danach an in einem Theater zu arbeiten, Arbeitszeiten Montag bis Freitag. Ein Traum. Oder das Erwachen aus einem Alptraum. Es ist ziemlich übel, nie zwei Tage hintereinander frei zu haben. Irgendwie so als könnte man sich niemals entspannen.
So oder so, ich musste noch oft an die armen Schweine denken die noch immer bei Target schufteten und nicht den Luxus hatten einfach mal aus dem Unmut ihrer Arbeitsbedingungen heraus zu kündigen.

Aber ich verstehe schon wenn es den meisten Leuten egal ist, denn sie arbeiten ja nicht im Einzelhandel. Not my monkeys, not my circus.

Ich gehe nicht in die Kirche. War nie Mitglied einer Gewerkschaft. Sympathisiere zwar mit der SPD (aktuelle Ereignisse aussen vor), könnte mir aber auch vorstellen was anderes zu wählen. Zehn Jahre Amerika prägen ja auch irgendwie politisch. Das ganze Sonntags-Ruhe Thema ist hier in den USA aber trotz Religiösität kein Thema. Kann Sonntag morgens um neun Uhr den Rasen mähen, meinen “Jesus the Lord”-Cap tragenden Nachbarn interessiert es nicht.

Dennoch muss ich sagen dass ich die Sonntagsruhe vermisse. Einfach mal slow down. Also nicht den Teil wo der Nachbar sich aufregt wenn ich den Rasen mähe, sondern den Teil wo mal weniger Verkehr auf der Strasse ist. Wo nicht alle loshetzen um irgendwelche Polyesterklamotten um 11:00 Uhr morgens in der Outlet Mall zum Schnäppchenpreis zu kaufen. Denn das ist die Realität in den USA. Wo man quasi rund um die Uhr konsumieren kann. Sieben Tage die Woche. Immer Verkehr. Immer Stress. Besonders Sonntags. Nie Ruhe. Das betrifft alle. Konsumwunsch oder nicht.

Nach einer kurzen Honeymoon-Phase in der man sich freut dass man Sonntag den gleichen Mist kaufen kann den man auch Montag-Samstag hätte kaufen können, realisiert man dass es nicht wirklich schön ist. Also ich bin dagegen, obwohl ich es oft nutze. Ein wenig heuchlerisch, ich gebe es zu. Sonntags den Kindern Plastikschrott aus China gekauft. Musste nicht sein. Shame on me. Ich würde es aber gerne aufgeben im Tausch gegen ein wenig Ruhe, auch wenn es nur einmal die Woche ist.
Aber es ist wie die Büchse der Pandora. Einmal geöffnet gibt es keinen Weg zurück mehr, denn eine einmal gewonnene Bequemlichkeit will man nicht mehr aufgeben selbst wenn die Nachteile offensichtlich sind. Also überlegt es euch gut.

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Die Amerikaner und ihre Waffen

Die meisten Leute die ich hier in den USA kenne besitzen keine Waffen und lehnen diese noch strikter ab als die pazifistischsten Deutschen. Das liegt wahrscheinlich daran dass ich in einer sehr liberalen und urbanen Gegend wohne, was sich beides häufig bedingt. Aber anders als z.B. das Thema Abtreibung, welches sich sehr genau entlang demokratisch-republikanischer Parteilinien abzeichnet, lässt sich die Waffendiskussion nicht unbedingt anhand von Parteizugehörigkeit scharf bestimmen, sondern der Bruch zieht sich im wesentlichen entlang der Grenzen zwischen Stadt und Land.

Als Gedankenspiel möge man sich das wenig wünschenswerte Szenario vorstellen, in dem jeder Bewohner Deutschlands über 18 Jahren sich praktisch unbegrenzte Mengen an Schusswaffen und Munition kaufen könnte. Vermutlich würden sich nur relativ wenige Einwohner Berlins Pistolen zulegen, während der durchschnittliche brandenburger Haushalt binnen weniger Monate statistisch gesehen 3,5 Handfeuerwaffen und Gewehre besitzen würde.
In diesem Szenario würde man in der TAZ ständig lesen können wie viele Kleinkinder sich in Deutschland gestern wieder erschossen haben, in der Bild-Zeitung hingegen würde man nur Geschichten von gesetzestreuen Bürgern die ihr Hab und Gut mit Waffen gegen kriminelle Ausländer verteidigen konnten finden. Im EU-Ausland würde man nur noch von den waffenvernarrten Deutschen lesen können und jeder zweite Internetkommentar zu egal welchem Thema würde die Germanen pauschal als waffengeile Idioten abstempeln.

Die Deutschen mit ihrer Historie haben aus gutem Grund eine andere Einstellung zu Waffen als US-Amerikaner die beim Thema Vergangenheit eher den Wilden Westen im kollektiven Sinn haben.
So sehr wie ich selbst froh bin, dass ich in Kalifornien lebe, also beim Einkaufen nicht versehentlich von einem Kleinkind erschossen werden kann, das in der Handtasche seiner Mutter die .38er zu greifen bekam, so sehr halte ich es auch für unrealistisch Waffen in den gesamten USA zu verbieten.

Zum einen Erjagen viele Menschen in ländlicheren Gegenden ihre Proteinbeilage mit eben jenen Schusswaffen. Hier muss man sich auch ganz klar vom Bild des regulierten deutschen Jägers trennen der seine Forstparzelle “bewirtschaftet”.
Zwischen Idaho und West Virginia springt man in den Pickup-Truck und geht in den Wäldern sein Reh schiessen mit dem Gewehr dass man bei Dick’s Sporting Goods gekauft hat.

Zum anderen wohnen viele Menschen eine Autostunde oder mehr von der nächsten Polizeistation entfernt, sind also entweder in der Lage sich selbst zu verteidigen oder im Extremfall tot.
Selbst in Deutschland mit relativ hoher Polizeidichte würde keiner ernsthaft behaupten wollen, dass die Beamten abseits von öffentlichen Brennpunkten jemals sofort zur Stelle wären um das Verbrechen an sich zu verhindern, sondern im besten Fall machen sie den Täter dingfest nachdem es ein Opfer gegeben hat.

Letztere Argumentation beruht natürlich auf einem zugegebenermaßen paranoid geprägten Weltbild, das von konservativen Medien anhand von anekdotenhaften Berichten von home invasions und hero with a gun stories genährt wird. Liebste Webseite: Fox News.
Dann gibt es am extremen Rand bekanntermaßen noch den Bodensatz von Waffenbesitzern, die meinen sie müssten sich gegen die Regierung sowie die Invasion von islamischen Terroristen verteidigen. Liebste Webseite: Breitbart.

Über die Paranoia der Amerikaner und dem daraus resultierenden Zwang sich mit maximaler Firepower verteidigen zu können, kann man sich natürlich zu recht lustig machen. Als Deutscher muss man aber auch aufpassen dass man dabei nicht im Glashaus sitzt und mit Steinen wirft, wenn ich da unter anderem an die Google Street View Debatte denke wo ganze Mietshausfassaden verpixelt werden mussten.
Die eigene Angst ist natürlich immer berechtigter als die Angst der anderen, auch wenn es statistisch gesehen wahrscheinlicher ist dass man sich mit Waffen gegen Einbrecher verteidigen müsste, als das rumänische Banden die Google Street View Ansicht des Einfamilienhauses als Basis ihres nächsten Raubzuges benutzen.

Die meisten industriellen Volksgesellschaften entscheiden sich richtigerweise gegen den mehr oder weniger uneingeschränkten Waffenbesitz, da als Folge davon zahlreiche Opfer und hohe letale Polizeigewalt einhergehen wie man eben am Beispiel der USA sehen kann.
Wenn man die Zahlen genauer ansieht, relativieren sie sich aber etwas im Vergleich zum einen oder anderen Facebook Meme das die etwa 33.000 Schusswaffentoten pro Jahr oft undifferenziert so in den Raum stellt:
Etwa 20.000 davon sind Selbstmorde, in Deutschland erhängt man sich, in den USA erschiesst man sich. Dabei haben beide Länder etwa die gleiche Selbstmordrate, die Waffen scheinen es also nicht zu begünstigen. Von den restlichen 13.000 sind 10.000 Gangmorde, begangen mit illegal beschafften Waffen die wohl auch bei einem totalen Waffenverbot nicht freiwillig abgegeben werden würden, und bei deren Besitz auch jetzt schon bis zu fünf Jahre Gefängnis drohen.
Gangs, ob sie nun Crips, Bloods, MS-13 oder anders heißen, sind ein soziokulturelles Phänomen der Amerikas, das man in Europa so nicht kennt. Sie existieren nicht WEIL es Waffen gibt und würden sich auch nach einem Waffenverbot nicht in friedliches Wohlgefallen auflösen.

Sicherlich ist jeder Toter einer zu viel. Richtig ist auch dass die Beschaffung illegaler Waffen, die in den Rivalitätskämpfen zwischen Mitgliedern verschiedener Gangs eingesetzt werden, befeuert wird durch die vielen verlorenen oder gestohlenen einst legalen Waffen. Weisse, suburbane Männer mittleren Alters kaufen die Waffen; junge schwarze, innerstädtische Männer erschiessen sich gegenseitig am unteren Ende der Waffenverwertungskette.

So schwarz/weiss wie man es gerne betrachten möchte ist das Thema aber nicht, wie ich mangels einer eindeutigen pro- oder kontra-Meinung finde. Sind die US-Amerikaner schusswaffengeile Idioten? Diese Meinung ist in Deutschland ungeachtet des politischen Spektrums durchaus salonfähig, wohingegen niemand unzensiert oder ungeniert z.B. die Chinesen als hundefressende Idioten bezeichnen würde.
Regen wir uns über die mehr als 20.000 Kartellmorde pro Jahr in Mexiko (ein Land mit strikter Schusswaffenregulierung) genauso auf wie über die Schusswaffen in den USA – und vielleicht messbarer: wie viele Artikel werden den jeweiligen Themen in der deutschen Presse gewidmet?
Es ist ja nicht so dass es für Europa wichtig wäre sich mit den Waffenproblemen jenseits des Atlantiks zu befassen, als würden die Amerikaner ihre ‘Schusswaffenkultur’ nach Europa exportieren so wie die Deutschen ihre Panzer nach Saudi Arabien.

Des weiteren sollte man bei jedem deutschen Ruf nach einem totalen Waffenverbot in den USA nicht vergessen, dass Schusswaffen auch in Deutschland nicht verboten sind. Im Gegenteil ist der private Waffenbesitz der Deutschen im europäischen Vergleich sehr hoch. Wenn man die dichtere Besiedlung in der Mitte Europas bedenkt, sollte man für die US-Amerikaner keine höheren Standards fordern als man selbst im eigenen Land als Status Quo akzeptiert.

Woher diese Faszination, diese Aufregung über die Amerikaner, frage ich mich manchmal. Das Stereotyp des waffengeilen, christkonservativen Amis der zwischen Baptistenkirche und AR-15 mäandriert, gibt ein solch absurdes, widersprüchliches Bild ab dass es sich immer wieder gerne darüber berichten lässt. Which gun would Jesus use?
Solche Typen gibt es, so wie es auch Deutsche mit Lederhosen und grünem Hut gibt. Ich kenne jeweils nur sehr wenige. Fairerweise sei dazu gesagt dass ich nicht in Texas lebe genausowenig wie ich regelmäßig in Bayern auf dem Land unterwegs war, sonst wäre meine Wahrnehmung sicherlich anders.

Gelegentlich gehe ich auf einen Schießstand auf dem man von der Shotgun über die österreichische Glock bis zum .45er Revolver alles mieten kann. Macht Spaß, wird aber auch auf die Dauer langweilig, und billig ist es auch nicht.
Die Leute die man dort antrifft sind jeden Alters, jeden Geschlechts und jeder Ethnizität. Man trifft einzelne Sportschützen oder auch Paare. Das Bild des amerikanischen Waffenbesitzers, das ich meine in deutschen Publikationen herauszulesen, habe ich hier nur gelegentlich wiedererkannt.

Wer zu einem so kontroversen Thema keine eindeutige Meinung in die eine oder andere Richtung hat kann nur auf wenig Zustimmung hoffen. Für Politiker funktioniert dieser Weg allerdings besser als politischen Selbstmord zu begehen, indem man für Regulierungen (also gleich Einschränkungen der Freiheit) wirbt die als generelles Schusswaffenverbot vom republikanischen Gegner verzerrt dargestellt werden könnten. Obama is gonna take your guns!

Regulierungen und Verbote scheitern hier bekanntermaßen an den Verflechtungen der Gun Lobby mit der Politik, das wissen alle und dennoch wird es genauso wenig aufgebrochen wie die Verpflechtungen der GEZ mit der Politik in Deutschland, nicht dass ich die GEZ und die NRA auf die gleiche Stufe des Bösen stellen will. Immerhin ist die GEZ in ihrem Einzugsbereich zwar noch deutlich unbeliebter als die NRA in ihrem, hat aber noch keinen Massenmord begünstigt.

Statistisch gesehen ist es zwar recht unwahrscheinlich dass man selbst dabei drauf geht, aber das nächste Mass Shooting in den USA ist keine Frage ob sondern nur wann. Wenn es nach mir gehen würde, würde ich Magazine auf sechs Schuss Kapazität begrenzen, mehr braucht kein Mensch zur Jagd oder Selbstverteidigung. Derzeit sind wir in Kalifornien bei zehn. Der leichte Zugang zu mobilem Kriegsgerät und massenhafter Munition insbesondere ausserhalb Kaliforniens ist absurder Wahnsinn, da gibt es aber auch nicht viele Leute die das bestreiten würden. Lediglich die ganz extremen Waffennarren, die Ammosexuals, biegen diese Diskussion dann gerne auf die Meta-Ebene ab um lieber über den Begriff des Assault Rifles an sich zu diskutieren.

Viel diskutiert und auch nicht gelöst wurde der oft fehlende oder schwerere Zugang zu psychologischer Betreuung. Ich kann es nicht quantifizieren, würde aber sagen dass es hier mehr Verrückte gibt, im Sinne von normal wirkenden Leuten die irgendwann durchdrehen. Die Gesellschaft ist einfach ein bischen extremer in allen Auswüchsen. Soziale Isolierung gibt es zwar auch in Deutschland, aber hier findet sie häufig hinter der Fassade freundlicher Oberflächlichkeit statt.
Vielleicht spielt auch das deutlich löchrigere soziale Netz eine Rolle, mögliche Zukunftsängste, eine durch Trump gesteigerte immer tiefere Spaltung der Gesellschaft, kulturelle Vielfalt die von vielen auch als Bedrohung gesehen wird, religiöse Dogmen die noch viel stärker als in Europa von Kindheit an auferlegt werden. Vielleicht sind es auch nur Arschlöcher mit Zugang zu Waffen.

Die Welt in der ich lebe hat jedenfalls wenig von dem waffenvernarrten Amerika über das gerne berichtet wird. Meine Kinder dürfen zu Halloween keine Kostüme mit irgendwas Waffenartigem tragen, nicht weil sie sonst versehentlich von der Polizei erschossen werden würden (wir sind weiß und nicht im Mittleren Westen), sondern weil die Lehrer und die Institution Schule liberal und gegen Waffen sind. Im Internet wird Eltern geraten vor Playdates nachzufragen ob irgendwo Waffen im Haushalt herumliegen, aber auch das habe ich selbst noch nicht erlebt da es hier zu selten der Fall ist.
Man kann eine beschränkte Auswahl von Waffen in Kalifornien kaufen, nach Background Check und zehn Tagen Wartezeit, aber man darf damit nicht draussen herumlaufen, sie weder schussbereit im Auto haben noch sie an dritte Personen weitergeben.

Ich versuche niemanden von oder gegen Waffen zu überzeugen, was eh nicht funktionieren würde. Eine Welt ohne Waffen wäre sicherlich ein besserer Ort, was aber an kommerziellen Interessen, geopolitischen Gegebenheiten sowie Ängsten und Kriminalität  scheitert. Daher hoffe ich zumindestens zu einer differenzierteren Betrachtungsweise beigetragen zu haben.

 

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