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Einbürgerungszeremonie – und dann war ich US-Staatsbürger

Eigentlich hätte ich nicht gedacht, dass es nach fast zehn Jahren in den USA irgendeinen Unterschied machen würde ob ich auf einem Visum, einer Green Card oder nun final, mit einer US-Staatsbürgerschaft in diesem Land leben würde. Ein reiner Verwaltungsakt, dachte ich. Aber überraschenderweise hat es doch einen Unterschied gemacht. Ich habe jetzt die selben Rechte wie jeder der in diesem Land geboren wurde. Ich darf wählen. Niemand kann mich mehr rauswerfen oder mir die Einreise verweigern. Irgendwie gehöre ich jetzt richtig dazu und bin nicht mehr nur der Typ der hier wohnt und arbeitet.

Anfang 2018 habe ich im Paramount Theatre in Oakland die Hand zum Oath erhoben, als Teil eines Events dass sich irgendwie eher angefühlt hat wie eine Show als wie eine ernsthafte Einschwörung. Meine Green Card wurde mir beim Eintritt ins Auditorium so beiläufig abgenommen wie die Eintrittskarte zu einem Konzert. Das wichtigste Reisedokument der letzten fünf Jahre. Eine Quittung gab es nicht. Etwas verstörend, aber sie werden schon wissen was sie tun.

Die Schlange vor dem 1931 eröffneten Theater zog sich einmal um das Gebäude herum. Geduldig warteten die fast 1.000 angehenden neuen Staatsbürger darauf, endlich in den Saal zu kommen. Im Einladungsschreiben wurde um gute Kleidung gebeten, was hier in Kalifornien irgendwie immer relativ ist. Ich habe es ernst genommen und bin mit Hemd und Krawatte aufgetaucht, andere sahen so aus als wären sie gerade auf dem Weg zum Supermarkt aus der Haustür gefallen.

Im Foyer des Paramount Theatres verschmilzen zwei Warteschlangen in ein höfliches Chaos aus Menschen. Einweiser kontrollieren ob die Rückseite des Einladungsschreibens ausgefüllt und unterschrieben wurde. Ob man seit dem Interview Polygamie praktiziert habe, und solche Fragen. 
Ich habe es natürlich schon zuhause ausgefüllt, jedes Wort durchgelesen, bin gut vorbereitet, ganz deutsch eben. Die Person neben mir hat sich irgendwie nicht vorbereitet, hektisch wird nach einem Stift gesucht. An diese Verpeiltheit der Leute hier habe ich mich aber irgendwie schon gewöhnt.

Später, auf der Bühne singt eine fast komplett weisse Chor-Gruppe älterer Damen hat vor einem überwiegend asiatischen Publikum. Musikalisch keine Highlights, aber die Damen haben ihren Spaß. “This is our Land, this is your Land…”. Inhaltlich ein wenig unreflektiert und über-patriotisch, aber das ist halt eine Einbürgerungszeremonie und keine Geschichtsstunde, von daher bin ich nicht überrascht.

Trump wurde in einem Video eingespielt wie er die neuen Staatsbürger begrüßt. Ich bin ein wenig überrascht, hätte fast damit gerechnet dass die ein altes Obama-Video zeigen weil Trump vielleicht keine Lust hatte so ein Video aufzunehmen. Es schien auch so als hätte ihn jemand zum Einsprechen genötigt. Wahrscheinlich habe ich es mir aber auch nur eingebildet.

Ein Herr mittleren Alters hat in vier verschiedenen Sprachen performed. Perfekt, dem Applaus der jeweiligen Volksgruppen nach zu urteilen. Immerhin beeindruckend. Er rief auch auf zu johlen und dazu Fotos zu machen. Es mag an der amerikanischen Lockerheit liegen.
Die meisten der 986 Teilnehmer kamen aus China, Indien, Mexico, El Salvador, sowie aus weiteren 82 Ländern. Der Reihe nach sind sie aufgestanden.
Diese Zeremonien finden häufig statt. In meinem Bekanntenkreis kenne ich alleine drei Leute die diese Einbürgerung auch mitgemacht haben.
Mein konservativer Nachbar, der als Besucher im Auditorium war, hat diese Angelegenheit möglicherweise wichtiger genommen als ich selbst. Wollte immer mal so eine Vereidigung miterleben, aber eigentlich hätte auch jeder von der Strasse aus in das Event reinlaufen können, überraschend informell die Veranstaltung. Er hat mir hinterher Blumen schicken lassen, in Rot-Weiss-Blauen Farben. Seine Frau hat geweint. Ich bin noch immer gerührt über diese Geste, ganz ehrlich gesagt. Habe ich es verdient? Für mich war es in dem Moment ein Verwaltungsakt im amerikanischen Style.

Verkaufsstand vor dem Paramount Theatre

Dem vorausgegangen war ein Interview in einem relativ fensterlos-depressiv gehaltenen Büro von USCIS, der Einwanderungsbehörde. Im Hintergrund 08/15 Regale mit chaotisch angeordnerten Akten und Rechtsliteratur. Um 8:00 Uhr morgens, in San Francisco. Ein etwa 30-jähriger mexikanisch-stämmiger Officer mit Vollbart hat mir ein paar Fragen gestellt, ich hatte mich so darauf vorbereitet wie auf meine Abitur-Prüfung. Im Gegensatz zur Abi-Prüfung hatte ich immerhin ein Hemd mit Krawatte angezogen. Er auch. Sahen beide gut aus, leider keine Kameras involviert.

Von 100 Wissens-Fragen musste ich sechs richtig beantworten und eine Satz auf Englisch schreiben. “There are one hundred Senators in Congress”. Soll ich “one hundred” ausschreiben oder “100”?
Die Fragen habe ich alle richtig beantwortet: Was am 11. September passiert ist, welcher Ozean westlich der USA liegt, wie alt man sein muss um wählen zu dürfen, wieviele Streifen die Flagge hat, was der Name der Nationalhymne ist und die Definition von “the Rule of Law”. Die Fragen und Antworten gibt es offiziell im Internet, zum Lernen kann man sich sogar eine App installieren.

Als er mich nach langem Blick in meine mitgebrachte Excel-Tabelle mit meinen Reisedaten fragte, warum ich in den letzten fünf Jahren so oft nach Mexiko gereist bin und ich meinte “die Resorts sind nice und der Alkohol billig” haben wir beide gelacht und ich musste vor Erleicherterung fast weinen.
Am Ende des Gesprächs hat er mir die Entscheidung, mich für eine Staatsbürgerschaft zu empfehlen, direkt mitgeteilt. Erleichterung.

Nach der Zeremonie gingen Helfer durch die Reihen und verteilten die Einbürgerungszertifikate. Ein Dokument auf dicker Pappe gedruckt mit meinem Foto drauf. Wer sein Zertifikat bekommen hatte, konnte den Saal verlassen.
Die meisten nutzten die Möglichkeit, gleich vor Ort einen US-Reisepass zu beantragen. Normalerweise ein ziemlicher Aufwand weil die Wartezeiten beim Post Office lang und die Termine weit im voraus ausgebucht sind. Beim Warten in der Schlange die sich nun wieder einmal um das Gebäude herum erstreckte, konnte man sich gleich als Wähler registrieren lassen. Was für ein produktiver Tag.

Voter Registration nach der Einbürgerung. Oakland, Mai 2018

Freiwillige teilten Formulare aus und wirkten nicht unglücklich als ich in das Feld “Political Party” die Demokratische Partei reinschrieb. Ein sachdienlicher Hinweis auf die politische Orientierung der Freiwilligen war auch der, dass neben dem Registration Stand eine Pappfigur von Obama stand. Trump hinzustellen wäre in Oakland (politisch sehr links) vermutlich auch ein no-go gewesen.

Nach zwei Wochen bekam ich meinen neuen US-Reisepass mit der Post zugeschickt. Noch etwas ungläubig halte ich ihn in den Händen. Ich bin jetzt Staatsbürger. Doppelter Staatsbürger. Deutscher Pass und US-Pass.
The world is my oyster.

 

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