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Über das Auswandern

Meine Geschichte ist keine klassische Auswanderer-Story in dem Sinne, dass es nie einen Zeitpunkt gab in dem ich beschloss, meiner Heimat Deutschland den Rücken zu kehren weil die Lebensumstände zu schlecht, oder mein Wohlbefinden gestört gewesen wäre.
Es hat sich schlicht zu einem Moment, der nun in der Vergangenheit liegt, eine Möglichkeit eröffnet etwas Neues zu erfahren, und ich habe diese Möglichkeit beim Schopf ergriffen. Und bin dann da geblieben.
Ich bin mir bewusst, dass ich priviligiert bin diese Möglichkeit erhalten zu haben und insofern kann ich niemandem vorwerfen nicht den gleichen Weg gegangen zu sein wie ich. Was ich mir aber auch zugute halte ist, dass nur wenige Menschen diese Möglichkeit selbst auch ergriffen hätten, da dieses Ergreifen gleichsam bedeutet seine Komfort-Zone in hohem Bogen zu verlassen.

In den USA befinde ich mich unter den Einwanderern in der Minderheit der innerhalb ihrer Lebenszeit hergezogenen, die nicht aufgrund schlechter Lebensumstände in ihrer Heimat, in das Land der vielen Möglichkeiten aufbrachen. Für diese Menschen aus Mexico, Venezuela, El Salvador, den Phillippinen, China, Indien oder ähnlichen Ländern ist ein Traum in Erfüllung gegangen, der Traum von Freiheit und Wohlstand (ob er für jeden in Erfüllung geht ist eine andere Sache). Für mich hat sich nur die Perspektive erweitert und die Infrastruktur der öffentlichen Verkehrmittel verschlechtert. Für die Armen der Welt ist die größte Angst dass sie in ihre Heimatländer abgeschoben werden, für mich ist die größte Angst die möglicherweise falsche Entscheidung getroffen zu haben und irgendwas an Lifestyle zu verpassen der sich in meiner alten Heimat in meiner Abwesenheit ergeben hat.

Der Amerikaner hat ein Sprichwort das sagt “the grass is always greener on the other side”, also auf der anderen Seite des Gartenzauns sieht es immer positiver aus. Der Deutsche in mir weiss, dass man sich nicht für eine Sache entscheidet, sondern gegen alle anderen Sachen.
Insofern muss ich wohl, nun da ich beide Seiten des Atlantiks nicht nur gesehen sondern auch erlebt habe, den Rest meines Lebens damit leben dass ich mich für keine Seite entscheiden kann, ohne nicht in schwachen Momenten darüber zu hadern, möglicherweise die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Ein ewiges mentales hin- und her, das keiner der sein Leben an nur einem Ort verbracht hat wird nachvollziehen können. Ich beneide die Daheimgebliebenen manchmal für ihren inneren Seelenfrieden obwohl ich dann doch nicht mit ihnen tauschen möchte. Diese Erfahrung liegt hinter einer Tür die man nicht mehr schließen kann.

Mein momentanes Leben in den USA ist ein besseres als das Leben das ich vor zehn Jahren in Deutschland hatte, zumindestens in vielen, aber nicht allen Aspekten. Da sich zwischen meinem 30. und 40. Lebensjahr so viel verändert hat wie es wohl bei vielen Menschen der Fall ist, ist es sehr schwer herauszudifferenzieren wie viel Anteil der Lebensort daran hatte. Ein Vergleich scheint hier unmöglich. Dinge die früher mühsam und unerreichbar schienen sind heute selbstverständlich und umgekehrt. Die Zeiten ändern sich auch, von daher gehe ich zum Teil von Annahmen aus die heute vielleicht schon überholt sind.

Als Auswanderer spricht für mich jeden Tag genauso viel fürs Zurückziehen wie fürs Hierbleiben, nur dass ich gottseidank nicht jeden Tag darüber nachdenke.
Was Frank Sinatra über New York sang “If I can make it there, I can make it anywhere” gilt vielleicht auch für Kalifornien und Deutschland, vielleicht aber auch nicht. Die Unsicherheit über meine Optionen bei einer Rückkehr in mein Geburtsland bleibt. Auch wenn die Statistik dagegen spricht, die neue Heimat strahlt viel mehr an Mut und Optimismus aus als der alte Kontinent der für mich mit einem relativen Pessimismus verbunden ist der sich quer durch die Bevölkerung zieht, obwohl die Realität rein theoretisch eigentlich Positiveres erzeugen müsste.

Auf der emotionalen Seite kann ich nicht sagen dass ich Heimweh hätte, da meine Identifikation von Heimat schon lange nicht mehr an Deutschland gebunden ist. Man hat zwei Heimaten und doch keine. Ich befinde mich zwischen den beiden Welten und wenn ich auf Reisen bin stelle ich fest dass mein “Heim” dort ist wo sich meine Familie befindet, und da ich meist mit ihr zusammen reise, dort wo mein Kleiderschrank ist. Welcher sich seit ein paar Jahren in Kalifornien befindet. Wenn ich also in Deutschland zu Besuch bin und auf einer Ausziehcouch schlafe, freue ich mich irgendwie wieder auf zuhause, auf mein eigenes King Size-Bett in Kalifornien.
Dennoch kann ich nicht leugnen dass ich hin- und wieder diffuse Sehnsuchtsgefühle empfinde wenn ich (selten) deutsche Filme oder Serien schaue, dort Gegenstände und Orte sehe die mir vertraut erscheinen und mittlerweile doch so fern sind. Ihr seht ein Haus, ich sehe ein deutsches Haus.

Der Unterschied zwischen Urlaub und Auswandern liegt nicht nur in der zeitlichen Dauer des Aufenthalts, sondern in den Problemen mit denen man sich nicht auseinander setzen muss.
Wenn ich in Deutschland zu Besuch bin suche ich mir die wettertechnisch beste Zeit des Jahres aus und gehe mit alten Freunden Cocktails trinken, dann reise ich wieder ab.
Wer in Kalifornien oder anderswo Urlaub macht, der macht sich keine Gedanken um Arbeitsplatzsuche oder die Steuererklärung.
Auswandern durchläuft vier Phasen: Die ‘Honeymoon’ Phase in der alles aufregend und toll ist, die Frustrationsphase in der man alles innerlich ablehnt, die eigene Anpassung, und schließlich die Akzeptanz der fremden Kultur.
Im Urlaub sieht alles besser aus weil man nie über die ‘Honeymoon’ Phase hinauskommt. Man kratzt die Kultur der Einheimischen kurz an und erhält einen sehr oberflächlichen Eindruck bei dem alles fremd aber irgendwie aufregend scheint.
Wer irgendwo länger lebt, der muss sich mit den Problemen des Alltags auseinandersetzen. Zum Amt gehen um einen Ausweis zu beantragen, Handwerker suchen, Arztbesuche absolvieren, Kindergeburtstage und Einschulung organisieren. Am Ende ist es dann doch nicht viel anders als “zuhause”.

Inzwischen mache ich “Urlaub” in Deutschland, der sich jedesmal zwischen Pflichtveranstaltung und Reverse Culture Shock bewegt, könnte man für den Zeit- und Geldaufwand doch so ziemlich überall sonstwo hinreisen, wo man noch nie war. Das kurze Wiedersehen mit Verwandten und alten Freunden ist dennoch immer wieder wertvoll, auch wenn man sich ein stückweit auseinanderlebt. Die sozialen Bindungen in der neuen Heimat sind geringer und deutlich oberflächlicher.
Da ich die letzten Jahre bei meinen Besuchen im Frühherbst immer Glück mit dem Wetter hatte, erlebe ich eine Biergartenkultur die es in Kalifornien so nicht gibt.
Daher kommt bei mir häufig nach Ende eines jeden Deutschland-Besuchs das Verlangen auf wieder zurück zu ziehen, welches allerdings in den Wochen danach wieder abnimmt um sich schließlich so ungefähr die Waage zu halten mit dem Wunsch in Kalifornien zu bleiben.
Man kommt nach so vielen Jahren nicht einfach zurück, man muss erneut aufbrechen, einen neuen Neuanfang wagen.

Die neue Heimat ist gleichzeitig fremd und doch so vertraut, was allerdings mittlerweile zum Teil auch für die alte Heimat gilt. Meine Kinder singen Kinderlieder die ich nicht kenne und beim Thema Baseball kann ich nicht mitreden, weil ich davon genauso wenig weiß wie vom Civil War, den ich nie in der Schule im Unterricht hatte. Es gibt möglicherweise Gesetze oder Regelungen gegen die ich verstoße weil ich von ihnen noch nie was gehört habe, eine gewisse latente Rechtsunsicherheit. Ob man Laub im Garten verbrennen, sein Auto in der Einfahrt waschen oder Sonntags Rasen mähen darf muss man halt erstmal rausfinden.
Wer jenseits der Volljährigkeit ins Ausland zieht, kann zwar die Sprache fließend lernen, wird seinen deutschen Akzent aber nicht mehr los, und daher häufig gefragt woher er kommt – insbesondere wenn man sich an Orten bewegt in denen es viele Touristen gibt.

Es gibt Momente in denen ich mich total fremd in dieser Gesellschaft, an diesem Ort finde, und andere Momente in denen ich es so geil finde hier zu sein, wie ein Tourist der gerade aus dem Flieger gestiegen ist und sich über seinen Urlaubsanfang freut.
Zu den schönen Momenten gehören sicher die, in denen ich im Februar bei 20°C im T-Shirt herumlaufe und Dünger auf meine Palmen kippe. Obwohl ich das eine oder andere mal auch deutsche Herbstspaziergänge im modrigen Wald vermisse. Und natürlich auch das Brot und den Aufschnitt. Kriegt man hier zwar irgendwie auch, aber man passt sich beim Essen halt den Gegebenheiten an und es ist auch ok.

Kalifornien ist für Auswanderer aus Deutschland keine extreme Wahl. Die Grundlagen der Sprache bringt man mit, das Wetter ist definitiv besser aber kein extremer Schock wie bei Ländern am Äquator. Die Infrastruktur ist gut, die Kriminalität gering. Deutsche sind bei allen, selbst konservativen Amerikanern durchgängig beliebt.
Einzig bei Deutschen löst das Land sehr polarisierte Emotionen aus. Wer mitkriegt wo ich lebe, zeigt entweder positive Reaktionen und stellt Fragen, oder tut im Gegenteil seine Ablehnung gerne auch ungefragt kund.

Letzendlich muss ich für mich selbst die Frage beantworten ob ich will dass meine Kinder komplett in den USA aufwachsen, und ich sie dann irgendwann vermutlich nicht mehr dazu überreden kann, nach Deutschland zu ziehen weil sie ihre Freunde und später, ganz langfristig gedacht, Partner hier haben.
Die Kindheit meiner Kinder muss nicht genau wie meine sein, insofern spielt es für sie keine Rolle wo sie diese verbringen, solange sie sicher sind und alles haben was sie brauchen. Was sie leider nur ein bis zweimal im Jahr haben, sind ihre Großeltern. Wer seine Kinder im Ausland großzieht muss ohne Unterstützung der Verwandtschaft auskommen.
Dass zweisprachig als Kinder von Einwanderen in einem kulturellen Schmelztiegel aufwachsen, bewerte ich eher als positiv.

Vielleicht hält mich auch die Besonderheit meiner Situation im Ausland: Einer von wenigen Tausend Deutschen in Kalifornien zu sein fühlt sich irgendwie exklusiver an als einer von 80 Millionen Deutschen in Deutschland. Und die Kinder dürfen auch “scheisse” sagen, es kriegt keiner mit.

3 comments on “Über das Auswandern

  1. Dankeschön Paul !
    Ich fand deine Geschichte sehr interessant und außerdem teile ich deine Gefühle zu beiden Kulturen!
    Ich lebe seit 10 Jahren in San Francisco und kam vor 3 Tagen von meinem jährlichen Monatsbesuch in DE zurück …ich finde die Zwiespältigen Gefühle verstärken sich mit Zunehmenden Alter !!

  2. Gefällt mir sehr gut dein Artikel! Ich habe auch Momente, in denen ich mich hier total fremd fühle und ich in einer Konversation dann doch nicht schnell und so eloquent antworten kann, wie ich es möchte. Aber dann scheint am nächsten Tag schon wieder die Sonne, die Leute sind locker und freundlich und meine Kinder gehen in Shorts zu Fuß zur Schule. Als Mutter frage ich mich aber auch häufig, ob es nicht doch besser für sie wäre, in der Nähe der Familie in Deutschland aufzuwachsen. Denn oft geht mir die amerikanische Kultur auch auf die Nerven und ich habe Angst, dass unsere Töchter für immer hier bleiben und sich vielleicht nicht auf etwas Neues einlassen, so wie wir es gemacht haben. Aber ich gebe dir Recht, die Kindheit unserer Kinder kann und sollte nicht so wie unsere sein und letztendlich möchte ich nur, dass sie glücklich sind und ihren eigenen Platz in der Welt finden. Das Leben hier in der Bay Area kann sie vielleicht darauf besser vorbereiten, als das in einer deutschen Kleinstadt?

    1. Danke für Deinen Kommentar! Sorry für das späte Approval, ich habe ihn erst jetzt im WordPress Dashboard gesehen.

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